Jahresbericht 2017

Ruth Ghezu

Ruth Ghezu arbeitet als interkulturelle Vermittlerin und Dolmetscherin für den Dolmetschdienst Zentralschweiz der Caritas Luzern. Beim Programm Schule und Jobtraining macht sie Integrationscoaching. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder (16 und 9). Vor 19 Jahren kam sie aus Eritrea in der Schweiz.

 

 «Lernen bedeutet für mich leben. Und leben ist auch lernen.»

 

«Wenn ich zurückschaue, war ich damals wie ein Kind. Ich musste alles neu lernen. Ich war hier als Person, aber ich war auch nicht da. Verstand die Sprache nicht, verstand die Kultur nicht. Wenn ich in eine neue Wohnung gehe, brauche ich einen Schlüssel., in einer neuen Kultur brauche ich als Schlüssel die Sprache.

Sprache liegt mir, und schon beim Deutschkurs fragte man mich, ob ich übersetzen möchte. Das durfte ich damals nicht, weil ich keine Arbeitsbewilligung bekam. Später wurde ich dann wieder angefragt, das war für mich optimal.

In meinen Kursen bei Schule und Jobtraining vermittle ich meinen Schülern vor allem, dass es verständlich ist und normal, wenn sie Hemmungen haben zu sprechen. In einer neuen Kultur mit einer neuen Sprache kann das passieren, aber es ist überwindbar. Nur kommt das nicht von selbst, man muss es versuchen. Und man kann immer lernen: fragen und so die neue Welt einordnen.

Meine Schüler sind vor allem Jugendliche, die ohne Eltern, alleine da sind. Sie müssen mit allem zurechtkommen: Gesetz Schule, Beruf. Sie sind nicht gewohnt, mit diesen Regeln umzugehen. Sie sind auch nicht gewohnt, länger zu sitzen und etwas aufzunehmen. Sie empfinden diese Regeln als Druck. Wenn sie sie aber verstehen, können sie besser damit umgehen.

Manchmal braucht es ja nur wenig für ein Missverständnis. Es kann sein, dass die Jugendlichen in einem Dorf die Leute als unfreundlich oder böse erleben. Sie selbst sind es gewohnt, bei Erwachsenen den Blick zu senken. Aber das kommt bei den Leuten schlecht an. Da ermuntere ich sie, den Leuten in die Augen zu schauen und «Grüezi» zu sagen. Ich fordere sie auch auf, im Unterricht mit solchen Fragen zu kommen. Da sprechen wir darüber, damit sie verstehen können. Das ist eine Chance für viele Jugendliche.»

 

«Es ist keine Schande nichts zu wissen, wohl aber, nichts lernen zu wollen.»
Platon

Dieses Zitat gefällt mir am besten. Es nimmt alles auf und zeigt, wie wichtig es ist, immer wieder lernen zu wollen.

Ich möchte mich gerne in der deutschen Sprache noch weiter ausbilden und das Diplom C2 machen. Das ist nicht ganz einfach mit Familie und Beruf. Und dann möchte ich mich gerne auch als Migrationsfachfrau ausbilden. Das sind hohe Ziele, aber sie sind machbar. Gerne möchte ich auch viele Leute sensibilisieren durch meine Arbeit. Es wäre schön, einen Ort, einen Verein zu haben, wo Menschen hinkommen können, wenn sie Fragen haben.

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