Jahresbericht 2015

Heisse alles willkommen, weise nichts zurück.

Margret Füchsle arbeitet seit Januar 2015 im Bereich Soziale Integration als Kursleiterin Begleitung in der letzten Lebensphase (BilL). 

 

«Fokussierung als Chance»: Was bedeutet für Sie diese Aussage und wo sehen Sie bei Ihrer Arbeit in und mit der Caritas Fokussierungsmöglichkeiten?

In meinem Leben habe ich mir wichtige Aspekte des Lebens immer wieder aus verschiedenen Blickwinkeln angeschaut. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass dies mein Leben bereichert, mich inspiriert und bewegt. So erlebe ich mein Leben als vielfältig und in ständigem Prozess. Ein ganz praktisches Beispiel dafür ist: Im Zen-Hospiz in San Francisco gilt als erste Regel in der Sterbebegleitung: «Heisse alles willkommen, weise nichts zurück.» Das heisst nicht, dass ich alles mögen muss. Aber ich gehe mit allem in Kontakt. Jahrelang habe ich mir am Eingang des Hospizes, wo ich damals arbeitete, diesen Satz gesagt, um mir bewusst zu machen: «Was auch immer ich heute in der Arbeit begegne, Schmerzen, Sterben, Wut, Glück … ich stelle mich allem und bin ganz da.» Dies war für mich eine grosse Hilfe, in tiefen Kontakt mit Menschen zu gehen. Später merkte ich, dass diese Regel nicht nur für meine Arbeit gilt. Ich übernahm diesen Fokus für meinen Alltag. Alles willkommen zu heissen, nichts zurückzuweisen in meiner Familie, meinem Verhalten etc. war eine spannende Erfahrung und liess mich mich selbst tiefer entdecken. Seit einigen Jahren mache ich nun eine neue Körperarbeit, in der ich mit mir über körperliche Empfindungen in Kontakt gehe. Aus diesen können sich Anspannungen, Schmerz und vieles mehr verändern, Blockaden lösen sich auf. Mein altes Muster von «nicht-wahrhaben-wollen», von Übergehen hat sich damit aufgelöst. Ich kann mich frei entscheiden, wie tief ich mich auf den verschiedenen Ebenen berühren lasse. Das schafft eine grosse Kraft. 

Ich erlebe das Fokussieren als grosse Entwicklungsmöglichkeit in meinem Leben. Fokussierung heisst für mich, etwas Raum geben – das heisst einen weiten Blick auf ein Thema haben- und gleichzeitig bewusst in die Tiefe zu gehen wie in eine kegelförmige Spirale. Von dem tiefsten Punkt der Spirale kommt es dann zur Gegenbewegung des kraftvollen Nach-Aussen-gehen.

 

Wo sehen Sie Potential bei der Caritas Luzern allgemein?

In Bezug auf die Caritas Luzern sehe ich es als wichtig an, dass sich die verschiedenen Bereiche zunächst auf sich fokussieren und schauen, was für eigene Entwicklungsmöglichkeiten sie für sich sehen. Neue, noch nicht erwogene Möglichkeiten können nur bei Fokussierung entdeckt werden. Gerade im Trauern um das Verlorene dürfen wir nicht in der Haltung versacken: «Das haben wir immer schon so gemacht.» Die Caritas Luzern sollte all den Ideen von Mitarbeitenden sehr offen Raum geben und sie überdenken, um sich (neu) entfalten zu können. Es dürfen meines Erachtens auch «verrückte Ideen» sein, denn die Arbeitsrealität lässt diese sowieso wieder auf eine kleinere Dimension zusammenschrumpfen. Ich glaube an die Kraft solcher «Hirngespinste». Sie können neue, hilfreiche Ansätze zur Weiterentwicklung beinhalten. Wie Kinder, die im Spiel fokussiert sein können und gleichzeitig die ganze Welt haben. Sie begegnen vielem unvoreingenommen und haben darin eine grosse Kraft.

Im Bereich Begleitung in der letzten Lebensphase (BilL) sehe ich viele Entwicklungsmöglichkeiten. Die ganze Thematik bietet noch Ausbaupotential in der ganzen Schweiz. Hier könnte Caritas Luzern eine Vorreiterrolle einnehmen. Bei der Förderung der Einsatzleitungen der verschiedenen Sterbebegleitgruppen, die für diese Koordinationsarbeit keine Fortbildung haben, gibt es noch viele Möglichkeiten der Unterstützung. Gerne würde ich auch in den einzelnen Begleitgruppen mehr anbieten, so dass z.B. wir von BilL zu Fallbesprechungen dazu geholt werden, wenn schwierige Problematiken auftauchen. Manchmal ist in schwierigen Situationen der erfahrene Blick von aussen wichtig. Auf diese Weise können Team wie Einsatzleitungen dazulernen. Das direkte Lernen durch gemeinsam durchlebte Prozesse ist oft viel tiefer gehend als fachliche Fortbildungstage. Diese Form der Arbeit liebe ich. So könnten sich manche Gruppenstrukturen auch weiterentwickeln. Meine Erfahrungen habe ich in Deutschland gemacht, daher vergleiche ich die Arbeit mit den Angeboten dort. Es überrascht mich, dass hier in der Schweiz Begleitgruppen fast nur Nachtwachen anbieten. Meines Erachtens wäre eine 1-zu-1 Begleitung eines Sterbenden untertags als anderes Model sehr überdenkenswert. Es ist ein völlig anderes, intensiveres Begegnen und Begleiten, als wenn ich nachts Sitzwache mache und ein fast täglicher Wechsel der Freiwilligen stattfindet. Ich wünsche mir ein tieferes Eintauchen in den Prozess der Begleitung, ein wirkliches Kennenlernen, damit sich die sterbende Person auch öffnen kann.

Ein anderes Beispiel: Caritas Zürich macht gerade ein Sterbebegleitungsprojekt für Secondos aus Italien, die jetzt in das Alter kommen, in dem sie eventuell krank oder pflegebedürftig werden und sterben. In Luzern würde ich gerne ein ähnliches Projekt mit Tamilen (oder anderen Volksgruppen) starten. Ich fände es spannend zu eruieren, was diese Bevölkerungsgruppe braucht, damit sie in unserem europäischen Kontext entsprechend begleitet werden können. Natürlich haben sie einen anderen Familienzusammenhalt und trotzdem sind auch hier die Kinder berufstätig und ein Stück weit in unser westliches Leben eingebunden. Ich fände es spannend, wenn sich hier die verschiedenen Caritas RCOs von BilL zusammentun und zu verschiedenen in der Schweiz lebenden Nationalitäten mögliche Standards erstellen würden, auf die dann alle zurückgreifen könnten. Das wäre meines Erachtens ein interessanter Schwerpunkt in BilL, auch im Hinblick auf Vernetzung der RCOs und eine praktisch nutzbare Netzwerkarbeit, in der Energien zusammengebracht und Synergien geschaffen werden.

 

Das letzte Jahr war geprägt von vielen Umbrüchen:
Wie haben Sie 2015 in Ihrer Arbeit bei Caritas Luzern erlebt?

Im Januar 2015 habe ich bei der Caritas Luzern angefangen zu arbeiten und schon im April kam die Information über die anstehenden Kündigungen aufgrund des Asylvertrags. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Ich wusste zwar, dass meine Stelle nicht direkt betroffen ist. Trotzdem war der Gedanke in mir: «So schnell kann dein Arbeitsplatz weg sein.» Ich sass ziemlich weit hinten im Saal und als die Aussage kam, dass jeder vierte betroffen ist, zählte ich die Reihen durch: «eins, zwei, drei, VIER, eins, zwei, drei, VIER…» Das hat mich tief berührt. Auch den Schmerz und die Ratlosigkeit von Thomas Thali zu sehen war eindrücklich. Im gesamten Raum war eine grosse Betroffenheit zu spüren: «Für die betroffenen Mitarbeitenden und erst recht für die Asylsuchenden ist der Entscheid eine Katastrophe.» Über die zurückhaltende politische Reaktion von Seiten der Caritas war ich enttäuscht. Ich hatte mir ein klareres Statement zur eigenen Würdigung der bisher geleisteten Arbeit und das Infragestellen des Entscheids mit seinen Konsequenzen in der Öffentlichkeit erwartet.

Und jetzt im Dezember durchlebten wir dasselbe wieder mit dem Flüchtlingsvertrag. Die Situation anzunehmen war für mich in dem Sinne einfacher, weil ich es ein starkes Signal der Caritas fand, dass sie selbst entschied: «Unter diesen Bedingungen nicht». Diese Haltung gefiel mir. Da zeigte sich die Caritas auch stark. Wiederum betroffene Arbeitskollegen dastehen zu sehen und deren Schock zu spüren, das war hart. In mir kam eine Wut hoch auch auf diesen Kanton. Ich verstehe nicht masslos viel von der Schweizer Politik. Doch in meinen Augen ist das ein reiches Land. Luzern ist ein reicher Kanton. Es ist Jammern auf höchstem Niveau. Das ärgert mich.

Mit dem Ausdruck von Thomas Thali «Wir müssen die Caritas Luzern neu bauen.» hatte ich Mühe. Ich habe schon verstanden, was er damit ausdrücken wollte. Doch ich mag solche abgehobenen Sätze in solchen Situationen nicht. Auch wenn sie sehr motivierend sein sollen. So ein Satz hat für mich zu wenig «Fleisch am Knochen». Aber das ist meines. Mir ist es lieber zunächst einfach mal zu sagen: «Jetzt stehen wir als erstes mal mit leeren Händen da.» Es ist wichtig, sich wie in einem Sterbeprozess einzugestehen: »Es ist etwas gestorben und wir haben jegliches Recht zu trauern.» Erst dann kommt im nächsten Schritt das Wiederaufstehen. Meiner Ansicht nach wurde dieser Schritt ein Stück weit übersprungen oder sehr eingeengt mit diesem pushenden «es geht weiter».

 

Wie sind Sie damit umgegangen? Was hat Sie in dieser schwierigen Zeit gestärkt?

Mich hat in dieser schwierigen Zeit vor allem gestärkt, dass ich ganz viel anderes in meinem Leben mache. Natürlich habe ich die Schwere im Betrieb wahrgenommen. Die Gesamtsituation war für mein erstes Arbeitsjahr schon etwas drückend. Dadurch, dass ich hier in einem niederprozentigem Pensum tätig bin, behalte ich immer etwas den Blick von Aussen. Ich bringe mich hier ein und gehe wieder. Es half mir auch in der Situation, bei mir zu bleiben. Hilfreich war mir in der Zeit auch meine Lebensauffassung: «Mir ist meine Arbeit wichtig und ich bring mich engagiert ein. Aber sie ist bei weitem nicht alles, was mich ausmacht und meinem Leben Sinn gibt.» So bewahre ich (m)eine innere Freiheit. All diese Aspekte liessen mich die schwierige Zeit gut durchleben.

 

Was waren trotzdem Highlights?

Für mich sind Highlights immer berührende Momente. Einer meiner berührendsten Momente war, als ich bei einem letzten Kurstag ein Abschiedsritual durchführte. Dabei schreiben die Teilnehmenden auf zwei Zettel Sätze auf. Auf dem einen benennen sie, was sie im Kurs wahrnahmen und nun bewusst zurücklassen wollen. Diesen lesen sie später der Gruppe vor und übergeben ihn symbolisch einem entfachten Feuer. Auf dem zweiten Papier drückt jede Teilnehmerin aus, was sie aus dem Kurs als wesentlich für sich mitnimmt. Diesen Zettel nimmt jede später mit nach Hause. Eine Teilnehmerin hat damals weinend zu mir gesagt: «Ich nehme mit, Margret, dass du zu mir gesagt hast: «Ich weiss, dass DU das kannst.» Das hat mir in meinem Leben noch nie jemand gesagt.» Diese Aussage hat mich unendlich betroffen gemacht. In dem Moment hatte ich das Gefühl: Allein für diese Erfahrung hat sich für die Frau der Kurs schon gelohnt.

Für mich sind die Highlights bei der Arbeit wirklich in diesen Kurseinheiten zu finden. Es macht mir so viel Freude, Menschen die Grundhaltung nahe zu bringen, dass gute Sterbebegleitung bedeutet, da zu sein. Mit all meinen Gefühlen, mit all meinen Ängsten. Den Teilnehmerinnen bewusst zu machen, eine Begleiterin weiss trotz allen Fachwissens nichts besser und bringt nicht immer die grosse, aktive Hilfe. Unsere Hilflosigkeit annehmen und wirklich zu lernen in der Hilflosigkeit präsent zu sein. Einem Sterbenden anbieten zu können: «Wenn sie wollen, bleibe ich bei ihnen trotz und mit meiner Hilflosigkeit». Das finde ich das Wesentlichste. Alles Andere kann man in Büchern lernen oder lesen. Aber diese Haltung muss erarbeitet werden. Mit manchen dieser Ehrenamtlichen habe ich auch zwischen den Kurstagen und zu Beginn ihrer ersten Einsätze noch Kontakt. Sie melden sich, wenn sie etwas berührt oder beunruhigt. Das verstehe ich unter Kursleitung. Es ist nicht nur Wissensvermittlung. Nicht nur Referentin, sondern vor allem Mensch zu sein. Heutzutage suchen wir vor allem nach «dem Menschen», egal in welchem Bereich. Das wird mir immer bewusster.

 

Blick in die Zukunft:
Wie sieht die Caritas Luzern in ein, zwei Jahren aus? Wie sieht Ihre Arbeit aus, hier oder anderswo?

Ich für mich würde mir sehr wünschen, dass es eine Möglichkeit gibt, dass die Caritas Luzern gerade aus dieser Erfahrung heraus, ein stückweit ein politischeres Mandat übernimmt, auch oder gerade was Asylsuchenden und Flüchtlingen betrifft. Meiner Ansicht nach hat sie das Recht und den Auftrag dazu. Einerseits das Recht, weil sie solange mit diesen Menschen gearbeitet hat. Und andererseits den Auftrag, weil genau diese Politik uns, die Asylsuchenden und Flüchtlinge in diesen Zustand brachte, wie er sich jetzt darstellt. Ein immer wieder klar nach Aussen Kritische-Fragen-stellen wäre ein richtig starkes Zeichen.

Das Thema Alter birgt viele Möglichkeiten und sollte weiterhin im Fokus bleiben. Weiter ist es sicher auch interessant zu sehen, welche anderen Randgruppen in Luzern weitere Unterstützung brauchen. Was ist mit den Menschen auf der Strasse? Ist es notwendig und sollte eine Zusammenarbeit mit der Gassechuchi oder anderen Organisationen ausgebaut werden, die sich um diese Randgruppen kümmern? Aber da kenne ich mich einfach in Luzern zu wenig aus, um mich vertieft dazu zu äussern.

Auch im Kontakt mit anderen regionalen Caritas Organisationen liegt, soweit ich das bisher wahrnehme, noch mehr Potential. Ist die Zusammenarbeit wirklich ausgeschöpft oder ist eine viel lebendigere, praktische Vernetzung in den Bereichen möglich. Ziel aller RCOs ist es, den armutsbetroffenen Menschen zu helfen. Ich frage mich wirklich, ob da nicht noch viel mehr praktische Vernetzung möglich wäre. Wenn eine Caritas zu einem bestimmten Thema etwas aufbaut, dann sollte dieses Konzept anderen RCOs zur Verfügung gestellt werden, damit diese es gegebenenfalls für sich abwandeln können. Das Rad muss nicht immer neu erfunden werden. Die gesamte Caritas würde so auch anders nach Aussen wirken können. Es ginge verstärkt das Signal an die Öffentlichkeit: «Wir arbeiten zusammen und wollen in der gesamten Schweiz etwas bewirken.»

Wenn mir die Caritas Luzern etwas wünschen würde, dann, dass ich meine Körperarbeit mit Menschen in meiner Praxis immer weiter ausbauen kann. Diese Arbeit macht mir sehr viel Freude und bewegt viel. Da kann ich so viel meiner Fähigkeiten und gemachten Erfahrungen einbringen. Und das heisst nicht, dass ich deswegen die Kursleitung hier aufgebe. Ich liebe die Vielfältigkeit.

 

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