Jahresbericht 2014

Roland Stauer

Asylzentren

 

Roland Stauer ist Leiter der Abteilung Zentren, welche nebst den Asylzentren Sonnenhof und Hirschpark befristete Unterkünfte für Asylsuchende umfasst. In den vergangenen Monaten beschäftigte ihn vor allem der Aufbau des Betriebs in diesen Unterkünften, den Notunterkünften in den Zivilschutzanlagen von Dagmersellen, Willisau und Luzern-Eichhof sowie der Unterkunft im ehemaligen Hotel Löwen in Ebikon. Es galt, Personal zu rekrutieren und es so einzuarbeiten, dass es möglichst selbständig vor Ort arbeiten kann. Das Pflichtenheft von Roland Stauer hat sich im vergangenen Jahr massiv verändert. Anfang 2014 war das Asylzentrum Sonnenhof das einzige, und Roland Stauer war als Leiter dieses Zentrums auch direkt mit Betreuungsaufgaben betraut. Das Themenpaar Nähe und Distanz ist ihm auf verschiedene Weise bestens bekannt, als direkt Betreuender und als Leiter mit Führungsaufgaben. Als erstes hat er dabei an seine Mitarbeitenden gedacht, an jene, die Mühe haben, sich abzugrenzen, aber auch an jene, die kalt und distanziert scheinen. «Schon oft habe ich im Gespräch dann festgestellt, dass sie nicht einfach distanziert sind, sondern dass sie sich gerade im Interesse der Betroffenen abgrenzen.»

 

«Es ist wie ein Grat, manchmal breiter, manchmal schmaler: auf der einen Seite Nähe, auf der anderen Distanz, und auf beiden Seiten kann man hinunterfallen.»

 

Wie sich jemand in der konkreten Situation verhält, kann ganz unterschiedlich sein und hängt auch von der Person ab. Für Neueinsteiger hat Roland Stauer ein Bild parat, das er ihnen gerne erzählt: «Ich stelle mir das vor als eine Gratwanderung, auf der einen Seite Nähe, auf der anderen Distanz, und auf beiden Seiten kann man hinunterfallen. Manchmal ist der Grat breiter, manchmal schmaler. Der Grat ist auch nicht für alle gleich breit. Wenn du die Geschichten zu nahe an dich heranlässt, täglich, dann machst du den Job nicht lange, dann leidest du. Wenn du zu viel Distanz hast, geht es auch nicht, eine gewisse Beziehung zu unseren Klienten braucht es ja, damit der Mensch funktioniert, das Zusammenleben funktioniert. Da braucht es eine gewisse Beziehungsebene, vor allem zur zugeteilten Person.»

Im vergangenen Jahr war Roland Stauer in verschiedenen Funktionen tätig, manchmal auch gleichzeitig. Es galt oft, einerseits operativ an der Basis direkt bei den Menschen tätig zu sein und gleichzeitig auch strategisch. Das war nicht immer einfach. Etwa dann, wenn es hiess, zuerst eine konkrete Situation mit Menschen im Zentrum lösen zu müssen, auch wenn der Sitzungstermin rief – oder umgekehrt. Es war das Spannungsfeld: nahe bei den Klienten zu sein und Distanz, um zu planen. «Das war oft sehr schwierig für mich, das habe ich fast nicht in den Kopf gebracht, ich hatte das Gefühl, ich müsste zwei Köpfe haben.» Doch Roland Stauer nimmt jedes zu seiner Zeit und freut sich über Entwicklung.

 

Und dann erinnert er sich an eine Begebenheit, die ihn zutiefst bewegt hat: «Ein schwer misshandelter Mann aus Eritrea, ein Folteropfer, wurde als humanitärer Flüchtling in die Schweiz geflogen. Er kam ins Asylzentrum Sonnenhof, ich betreute ihn. Er erzählte mir einiges, was er erlebt hatte, und auch dass seine Frau in Afrika gestorben sei. Eines Tages stand eine Mitarbeiterin mit einer Frau im Büro. Diese erzählte, sie habe erfahren, dass ihr Mann in der Schweiz begraben sei. Sie wollte das Grab besuchen. Es stellte sich heraus, dass sie die Frau meines Klienten war. Wir liessen den Mann kommen. Da standen sie dann beide, die sie je voneinander geglaubt hatten, der andere sei tot, und fielen sich in die Arme. So fielen sie zusammen, und wir mussten sie stützen. Das war so berührend, Distanz war da nicht mehr möglich. Und das ist auch gut so.» Doch in der Folge wurde professionelle Distanz gleichwohl eingefordert. Die Frau sollte nach Italien zurückgeschafft werden, und von Roland Stauer wurde eine Stellungnahme erwartet, ob der Zusammenbruch glaubhaft war. Grösser kann ein Wechselbad der Gefühle kaum sein.

 

Doch was heisst es, in der täglichen Betreuung professionelle Distanz halten zu können? «Für Klienten ist die professionelle Nähe wichtig, damit sie zu jemandem Vertrauen haben können, damit sie etwas erzählen können, was sie vielleicht schon lange nicht mehr konnten. Klar, wir können nicht der Korb sein, in den sie ihre ganzen Probleme ausschütten. Aber es gibt manchmal auch Punkte, die verfahrenstechnisch wichtig sind. Dass sie sich zum Beispiel trauen, einen Grund zu nennen, der relevant ist für ihre Fluchtgeschichte, der für sie aber schwierig zu formulieren ist, weil sie deswegen ihr Leben lang geächtet wurden – z.B. Homosexualität. Sie mussten das verleugnen, und plötzlich ist es für das Verfahren wichtig, dass man das sagt. Da ist es wichtig, dass sie das zuerst mal überhaupt jemandem sagen können. Da ist es wichtig, Vertrauen aufbauen zu können.»

 

«Als Leitungsperson habe ich automatisch eine andere Rolle zu den Mitarbeitenden, auch wenn ich gerne einfach nur Kollege wäre; eine gute Beziehung braucht es aber gleichwohl.»

 

In seiner aktuellen Funktion spielt die Aufgabe als Führungsperson eine starke Rolle. Gerade beim Aufbau der Notunterkünfte und in der Zusammenarbeit der Zentren und Unterkünfte ist eine gewisse sachliche Distanz wichtig, aber auch eine gute Beziehung zu den Mitarbeitenden. Denn die Notunterkünfte, mit bescheidenen Mitteln und Möglichkeiten ausgestattet, müssen als Anschlusslösung an die Zentren funktionieren können. Roland Stauer, der schon mehrere Zentren aufgebaut und geleitet hat, hat jetzt andere Aufgaben und eine andere Rolle. «Als Leitungsperson habe ich automatisch eine andere Rolle zu den Mitarbeitenden, auch wenn ich gerne einfach nur Kollege wäre; eine gute Beziehung braucht es aber gleichwohl.» So sind denn für ihn auch in einem Arbeitsteam die Menschen wichtig, die es ihm ermöglichen, seine Arbeit gut zu machen: «Menschen unterstützen mich immer wieder, sowohl Vorgesetzte wie auch Mitarbeitende; starke Teamchefs, die mittragen in einem schwierigen Umfeld. Ohne das geht es nicht.»

 

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