Jahresbericht 2014

Najat El Daou-El Misky

Interkulturelle Vermittlung

Najat El Daou-El Misky ist in den 90er-Jahren aus ihrem Heimatland, dem Libanon, in die Schweiz gekommen. Caritas war damals ihre erste Anlaufstelle. Heute arbeitet sie seit über 15 Jahren für die Caritas Luzern. Eingestiegen ist sie 1999 als Dolmetscherin für französisch und Arabisch und war auch bei der Gründung des Dolmetschdienstes dabei; später als Kursleiterin für die Infoveranstaltungen zur Orientierung im Alltag und als interkulturelle Vermittlerin (IKV). Daneben arbeitet Najat El Daou-El Misky in der Administration des Sozialdiensts und führt die Intake-Gespräche durch.

 

«Diese Distanz fällt den Klienten nicht immer leicht. Mir ist dies bewusst und auch verständlich, wenn man sich «fremd» fühlt und auf jede Hilfe angewiesen ist».

 

Da ihr Arbeitsalltag ein breites Spektrum von Aufgaben umfasst, trifft sie immer wieder in verschiedenen Funktionen auf ihre Klienten. «Wenn die erste Begegnung mit den Klienten nicht als Dolmetscherin in den Asylzentren stattfindet, dann bei den Info-Point-Kursen. Da erleben sie mich vor allem als Kursleiterin. Wenn sie mich dann als Dolmetscherin bei der Caritas Luzern intern oder extern, beim Intake-Gespräch oder im IKV-Büro wieder treffen, freuen sie sich sehr, ein bekanntes Gesicht wiederzusehen. Dass die Klienten mehrmals und in unterschiedlichen Situationen Kontakt mit mir haben, führt zu einer gewissen Nähe und ist sehr vertrauensfördernd.» Für Najat El Daou-El Misky ist es aber eine Herausforderung, zwischen den einzelnen Rollen zu wechseln und sich deren auch immer bewusst zu sein. «Wenn ich als Dolmetscherin in einem Gespräch bin, ist mein Auftrag natürlich ein anderer, als wenn ich das Intake-Gespräch oder einen Kurs leite. Diese Distanz fällt den Klienten nicht immer leicht. Mir ist dies bewusst und auch verständlich wenn man sich «fremd» fühlt und auf jede Hilfe angewiesen ist.»

Auch zwischen der Rolle als Dolmetscherin und der als interkulturelle Vermittlerin muss sie unterscheiden. «Als Dolmetscherin arbeite ich face-to-face, bin für die korrekte Übertragung des Gesprächinhaltes von einer Sprache in die andere zuständig, leite jedoch nicht das Gespräch.» Wenn sie dagegen einen Auftrag als interkulturelle Vermittlerin ausführt, hat sie eine vermittelnde und leitende Funktion in ihrem Bereich: «Ich vermittle zwischen unterschiedlichen Lebenswelten im kulturellen Kontext, nehme die Interessen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen wahr und helfe Barrieren zu minimieren.» Als interkulturelle Vermittlerin hat sie die Verantwortung über die Planung des Gespräches und ist frei, ihre Erfahrungen einzusetzen. Der Berufscodex ist jedoch klar definiert. «Es kommt auch vor, dass ich während eines Dolmetschauftrages feststelle, dass dies eigentlich ein Fall für eine interkulturelle Vermittlung wäre. Es kann sein, dass ich für den gleichen Kunden von einem Dolmetschauftrag in einen IKV-Auftrag wechseln muss.»

Distanz halten muss Najat El Daou-El Misky auch in ihrer Freizeit. Es passiert ihr immer wieder, dass sie Klienten auf der Strasse ansprechen und um Unterstützung bitten wie z.B. einen Brief zu übersetzen. «Zuletzt habe ich etwas Lustiges gehört – dass das IKV-Büro eigentlich am Bahnhof sein sollte, es wäre praktischer, weil die Klienten da täglich vorbeikommen. Gerade wegen unserer Mentalität fällt es unseren Landesleuten schwer zu verstehen, dass der Kontakt in der «Arbeitszeit» und in der «Freizeit» unterschiedlich sein sollte. Man muss lernen, wie man eine Unterstützung in der Freizeit ablehnen kann, ohne einen Mensch zu verletzen oder zu enttäuschen.

 

«Die Nähe fühlen zu lassen ist eine Begabung, die Distanz fühlen zu lassen, ohne die Nähe zu verlieren, ist eine Kunst.»

 

Als interkulturelle Dolmetscherin oder Vermittlerin kommt Najat zudem mit den verschiedensten Schicksalen in Kontakt. «Es gibt Tage oder Wochen, an denen ich mehrere verschiedene Aufträge an völlig unterschiedlichen Orten habe. Ich muss z.B. nach dem Dolmetschen übersetzen bei einem Sozialdienst ins Spital bei einer schweren Diagnose und anschliessend auf dem Zivilstandesamt bei einer Trauung.» An solchen Tagen muss sie innerhalb von kurzer Zeit in völlig unterschiedliche Welten eintauchen. Das braucht viel Energie und ist manchmal belastend. Um sich am Abend von der Arbeit zu distanzieren, hat sie seit vielen Jahren ein Ritual. Sie nimmt sich jeden Abend eine Viertelstunde Zeit, um ihre Gedanken zu ordnen. «Ich erkläre jeweils meinen Kindern, dass meine Gedanken wie eine Bibliothek sind, in der alle Regale umgefallen sind und die Bücher durcheinanderliegen. Ich müsse zuerst alle Bücher wieder in die Regale ordnen, erst dann kann ich zu meiner Rolle als Mutter wechseln.» Zudem schreibt sie auch zwei- bis dreimal wöchentlich Tagebuch und hält darin Gedanken und Reflexionen fest, die hängen geblieben sind, oder Dinge, die sie beim nächsten Mal anders machen möchte. «Diese Rituale helfen mir dabei, mich am Abend von meinem intensiven Arbeitsalltag und den Schicksalen, mit denen ich konfrontiert werde, abzugrenzen.» Supervisionen, Erfahrungsaustausche mit anderen Dolmetschenden und Coaching mit der Leitung helfen ihr zudem. 
Wenn Najat El Daou-El Misky von ihrer Arbeit erzählt, merkt man, wie sehr sie ihren Beruf liebt. Man spürt ihr Engagement und wie sehr ihr die Organisation und die Menschen, mit denen sie zusammenarbeitet, am Herzen liegen. «Die Nähe fühlen zu lassen, ist eine Begabung, die Distanz fühlen zu lassen, ohne die Nähe zu verlieren, ist eine Kunst.»

 

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