Jahresbericht 2014

Renata Ceresa

Coaching berufliche Integration

 

Renata Ceresa ist als Coach und Kursleiterin in der Beruflichen Integration in Littau tätig. In den vergangenen Jahren lag der Schwerpunkt bei den individuellen Coachings von Erwerbslosen. Dabei besuchen Stellensuchende in den Beschäftigungsprogrammen insgesamt drei Gesprächstermine zur individuellen Standortbestimmung und Zukunftsplanung für die berufliche Integration. Andere werden direkt von RAV- Beratenden angemeldet; sie werden oft über einen längeren Zeitraum durch Coaching in der Stellensuche begleitet. An einem regulären Arbeitstag sind in der Agenda oft fünf bis sechs Termine eingetragen. Die Leute kommen, einige zum ersten Mal, bei anderen ist es das zweite Mal oder das Abschlussgespräch. Die Zeit dazwischen nutzt Renata Ceresa zur Vor- und Nachbereitung. «Ich brauche die erste Stunde am Morgen, um mich vorzubereiten auf die Menschen, die kommen werden, und auf ihre Themen.»

 

«Ich bin nur ein Teil im Ganzen, ich kann Anregungen und Impulse geben.»

 

Die meisten Klienten und Klientinnen können sich beim ersten Mal nicht vorstellen, was sie erwartet. Sie haben die Entscheidung dazu nicht getroffen, und beide Seiten müssen sich aufeinander einstellen. «Am Anfang ist es für mich wichtig, wie ich die Leute begrüsse. Ich versuche eine Brücke zu schlagen, einen Anknüpfungspunkt zu finden, die sprachlichen Verständigungsmöglichkeiten zu klären und zu verstehen, woher die Person gerade kommt.» Dabei reagieren die Klienten unterschiedlich; einige sind offen, andere reagieren mit Verunsicherung oder Abwehr.

Renata Ceresa versteht sich dabei als Begleiterin: «Die Person entscheidet letztendlich selber, worüber sie sich äussern und wie sie mich einbeziehen will. Das akzeptiere ich. Klar frage ich auch nach, und manchmal sind es Schlüsselfragen, die zu den eigentlichen Themen führen.» Das können gesundheitliche Probleme sein oder Schwierigkeiten im Umgang mit anderen. Wichtig ist für Renata Ceresa, dass die Person die Verantwortung selbst behält. «Ich bin nur ein Teil im Ganzen, ich kann Anregungen und Impulse geben.» Am Ende des Coachings geht es darum, dass die Person neben einer realistischen Einschätzung ihrer beruflichen und persönlichen Situation gute Unterlagen und auch neue Strategien zur Bewerbung hat und so einen Schritt weiter kommt.

 

«Ich möchte jeden Menschen respektieren, auch wenn ich sein Verhalten nicht immer verstehen oder akzeptieren kann.»

 

Renata Ceresa hat den Begriff «professionelle Distanz» nicht so gern. Gleichwohl muss sie sich immer wieder fragen, was ihr hilft, dass sie handlungsfähig bleiben kann. «Wesentlich ist, dass ich meine Arbeit immer wieder reflektiere und auch weiss, wo meine empfindlichen Punkte sind.» Gerade wenn Menschen über erlebte Gewalt berichten, kann es schwer fallen, Distanz zu bewahren. Oft ist es auch eine Erwartung der Klienten, dass sie ihre Erfahrungen im Gespräch einbringen und sich dadurch entlasten können. Wenn sie von ihren Schicksalsschlägen berichten, ist sie eine gute Zuhörerin. «Einer Person zuzugestehen, dass es schwer für sie ist oder war, kann helfen. Daraus kann auch etwas Neues entstehen, was sie besser machen kann, das bringt mehr als Kritik. «Ich möchte jeden Menschen respektieren, auch wenn ich sein Verhalten nicht immer verstehen oder akzeptieren kann.»

Und grundsätzlich geht sie davon aus, dass Menschen, auch in schwierigen Momenten, nicht einfach destruktiv sind: «Ich glaube, die Menschen suchen das aus ihrer Sicht Beste, die Strategien sind manchmal nicht passend.»

 

«Es ist eine Balance zwischen Nähe und Distanz, es ist nichts gefestigtes.»

 

Die Coaching-Stunden sind eigentlich ein spezielles Setting. Für eine begrenzte Zeit ist Renata Ceresa da, moderiert, hört zu. «Das Coaching ist etwas anderes, da muss ich sie nicht im Arbeiten begleiten. Es kommt auch selten jemand zu spät. Sie sind da, interessiert.» Das Gespräch kann sich um reine Arbeitssituationen drehen, aber auch um ganz nahe Situationen, die sehr persönlich sind. Für Renata Ceresa ist es dabei zentral, in der kurzen Zeit einer Stunde präsent zu sein. Und manchmal muss sie selbst akzeptieren, dass der Rahmen begrenzt ist. Dies macht es aber auch möglich, dass sie sich intensiver auf ihre Klienten einstellen kann als wenn sie einen ganzen Arbeitsalltag mit ihnen teilen würde: «Es ist eine Balance zwischen Nähe und Distanz, es ist nichts gefestigtes.»

Dabei erlebt sie dieses Wechselspiel von Nähe und Distanz, von Kontakt und Autonomie – Autonomie als Kontakt zu sich selbst: «Es gibt manchmal Menschen, bei denen schwappt alles nach aussen, es sind Menschen, die nicht gelernt haben, mit Nähe und Distanz umzugehen. Oft haben sie auch keine Verbindung zu sich selbst.» Dabei gilt es, auf ihre Situation zu fokussieren, ihre Ressourcen zu aktivieren: «Wenn ich will, dass jemand selbständig ist, autonom, da braucht es Distanz, Loslassen-Können. Doch das ist fliessend, und man bewegt sich auf einem Grat.»

Achtgeben muss Renata Ceresa auch zu sich selbst. Da schätzt sie es zum Beispiel, dass sie sich mit ihren Kolleginnen austauschen kann, wenn ihr etwas nahe geht. «Und dann brauche ich es auch, meinen Tag gut ausklingen zu lassen. Das ist für mich wichtig, dass ich etwas anderes tue nach dieser Zeit, das sind ja wie verschiedenste Biotope, die ich erlebe.» Dabei hilft ihr, wenn sie ihre Gedanken schreibend verarbeiten kann, auch wenn die Seiten dann wieder geschreddert werden.

 

«Diese Vielfalt an Lebensphilosophien und Lebensentwürfen ist enorm.»

 

Doch Renata Ceresa findet ihre Arbeit spannend, was ihr auch immer wieder Motivation ist. «Diese Vielfalt an Lebensphilosophien und Lebensentwürfen ist enorm. Und was Menschen manchmal aushalten müssen, das ist auch beindruckend.» Sie findet ihre Arbeit spannend und sieht es auch als Privileg: «Spannend ist irgendwie zu einseitig formuliert – es ist vielschichtig, aber auch anforderungsreich. Es kann auch belasten. Manchmal merke ich, wenn ich in anderen Zusammenhängen mit Themen konfrontiert bin, dass ich mich im Innersten frage: Ist jetzt das so wichtig? – Wesentlich oder nicht: Mir ist wichtig, dass ich im Leben auch bei Alltäglichem gleichwohl Freude und Mitgefühl beibehalten kann.»

 

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